HEINZ-GERHARD WILKENS IM GESPRÄCH ÜBER DIE KÄLTEHILFE

Heinz-Gerhard Wilkens ist seit 2019 für den Obdachlosenbus Hamburg aktiv. Davor unterstützte er jahrelang die Hamburger Bedürftigenweihnachtsfeier „Mehr als eine warme Mahlzeit“. Hier spricht er über sein ehrenamtliches Engagement für wohnungslose Menschen. 

 

Selbst geschmierte Brote und Getränke sowie nach Verfügbarkeit Süßigkeiten, Suppen, Hunde- und Katzenfutter, Kleidung, Hygieneartikel, Isomatten und Schlafsäcke – das alles bringen Heinz-Gerhard Wilkens und andere ehrenamtliche Helfer:innen mit dem Obdachlosenbus zweimal wöchentlich in die Hamburger Innenstadt. Dabei kommt Heinz-Gerhard Wilkens den bedürftigen Menschen der Stadt ganz nahe, lernt ihre persönlichen Geschichten kennen und weiß, was sie bewegt. Lesen Sie hier, wie ein typischer Einsatztag in der Kältehilfe aussieht, wie man wohnungslosen Menschen begegen sollte und wie auch Sie die DRK-Obdachlosenhilfe in Hamburg unterstützen können.

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Herr Wilkens, wie lange helfen Sie bereits hier beim Projekt Obdachlosenbus und wie kamen Sie ursprünglich auf die Idee dazu?

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Einen Tag vor Heiligabend 2019 suchte das DRK Freiwillige für einen zusätzlichen Kältebus in Hamburg. Ich habe mich umgehend gemeldet, da ich bereits seit vielen Jahren die Obdachlosenweihnacht „Mehr als eine warme Mahlzeit“ unterstützt hatte und mir die Lage der Bedürftigen in der Hansestadt vertraut war.

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Wie ist das Projekt „Obdachlosenbus“ in Hamburg aufgebaut? Wie viele Menschen engagieren sich mit Ihnen und was ist Ihre Aufgabe?

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Bei der spendenbasierten Obdachlosenhilfe des DRK Kreisverbandes Hamburg-Nordost e. V. engagieren sich rund 40 ehrenamtliche Helfer:innen. Wir führen regelmäßig montags und donnerstags Versorgungsfahrten in die Hamburger Innenstadt durch, wo wir selbst geschmierte Brote, warme und kalte Getränke, Süßigkeiten sowie Kleidung, Hygieneartikel, Isomatten und Schlafsäcke verteilen. In den Sommer- und Wintermonaten kommen mittwochs und sonntags sogenannte Wasser- und Kaffeetouren hinzu, wo wir u. a. neuralgische Punkte wie die Reeperbahn, den Altonaer Bahnhof und das Pik As, eine Übernachtungsstätte für obdachlose Männer, ansteuern. Die Getränketouren haben sich angesichts der sehr überschaubaren Zahl von öffentlichen Trinkwasserspendern im Hitzesommer 2022 als überaus sinnvoll und stark nachgefragt erwiesen.

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Wie sieht ein typischer Einsatztag für Sie persönlich aus? Was machen Sie am liebsten? Was fällt Ihnen am schwersten?

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Wir treffen uns gegen 17:00 Uhr beim DRK im Hamburger Stadtteil Marienthal, schmieren Brote, kochen Kaffee, Kakao und Tee, beladen den Bus der Obdachlosenhilfe, den ich fahren darf, auch mit Kaltgetränken und je nach Verfügbarkeit mit Keksen, Schokolade, Fertigsuppen oder Fischdosen, mit Hunde- und Katzenfutter und gespendeter Kleidung, von warmen Socken bis zu Hosen, Jacken oder Mützen. Gegen 19:30 Uhr geht es dann zu dritt oder viert in die Hamburger Innenstadt, wo wir ab 20:00 Uhr auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz verlässlich unsere Tische aufbauen und mit der Versorgung beginnen. Die Ehrenamtlichen erfüllt so ein Einsatz, der vor Ort etwa bis 21:30 Uhr dauert, mit Genugtuung. Traurig stimmt uns immer, wenn – nachdem wir alles verteilt haben – noch ein Obdachloser an unseren Bus klopft. Dafür haben wir aber eine Notfallbox mit an Bord, mit der wir vor allem über Hartkekse, BiFis und Süßigkeiten eine kleine Überbrückungshilfe für die Nacht auf der Straße leisten können.

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Wenn Sie im Einsatz sind, wie reagieren die angesprochenen Menschen auf das Angebot?

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Unsere Gäste erwarten uns schon und sind sehr froh über das Angebot, da wir auch in Krisenzeiten – etwa während der Corona-Lockdowns – verlässlich vor Ort sind. Die Dankbarkeit bringen die Bedürftigen oft zum Ausdruck, bevor sie in die Nacht entschwinden. Einige stecken uns Helfern sogar manchmal eine kleine Schokolade zu, was uns angesichts ihrer Lebenssituation eher beschämt.

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Wenn Sie sich mit den wohnungslosen Personen unterhalten: Was bewegt sie? Welche Sorgen und Nöte teilen sie mit Ihnen?

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Es geht zunächst einmal um Respekt und Wertschätzung auf Augenhöhe. Diese Menschen sind zu oft von der Gesellschaft enttäuscht worden und erleben den „sozialen Tod“ auf der Straße – ich meine damit die Nichtachtung, manchmal auch Verachtung und Aggression – als wesentlich belastender als Armut, Hunger und Kälte. Das Vorbeihasten, das gedankenlose Wegschauen, das Verhalten, als seien die Bedürftigen unsichtbar, die Ansprache von oben herab statt in der Hocke zur Überbrückung der Oben-Unten-Kommunikation vergrößern die alltägliche Scham der bedürftigen Menschen. Das alles geschieht sicher auch aus einer Unsicherheit heraus, wie eine zugewandte Begegnung untereinander aussehen könnte. Dabei freuen sich die Obdachlosen über genuines Interesse an ihrer Situation, etwa bei einem Gespräch, ganz besonders. Grundsätzlich bewegt die Bedürftigen der tägliche Überlebenskampf im Großstadtdschungel. Und wenn sie Vertrauen zu uns Helfern gefasst haben, dann sprechen sie auch ihre Sorgen und Nöte an: über ihr Leiden an einer psychischen Erkrankung, sie bitten um Hilfe bei der begleiteten Begegnung mit Söhnen oder Töchtern, zu denen der Kontakt abgerissen ist, oder bei Korrespondenz mit Behörden. Oder sie fragen, ob wir bestimmte Gegenstände besorgen können: vom Nagelknipser bis zur Taschenlampe.

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"Wärme lässt sich als Empathie interpretieren, über die wir den Bedürftigen signalisieren, dass sie ein Teil der Gesellschaft sind, der wahrgenommen und nicht ignoriert wird."

Heinz-Gerhard Wilkens

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ThermaCare wird neben einer Geldspende auch Sachspenden an das Projekt verteilen. Welche Beschwerden, die die Wärmeauflagen lindern können, haben wohnungslose Personen und warum?

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Mein erster Kältebus-Einsatz hat mich gelehrt, dass bei einem durch Nieselregen und Wind bei fünf Grad durchweichten Schlafsack Nässe und Kälte die schlimmste Prüfung für die Obdachlosen sind. Wir haben dem Bedürftigen, den wir so vorfanden, umgehend eine trockene „Penntüte“, wie er sagte, besorgt. Seine Freude war Balsam auch für unsere Seelen. Insofern sind Wärmeauflagen ein Hilfsmittel, um ein Stück wohlige Geborgenheit auf der „Platte“ zu vermitteln. Eine willkommene Unterstützung, im Herbst und Winter für einige Stunden in einen halbwegs ruhigen Schlaf zu finden. Außerdem klagen alle Obdachlosen, die auf hartem Boden nächtigen müssen, über Rückenschmerzen.

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Wir hoffen, dass durch die Aktion vor allem mehr Aufmerksamkeit auf Ihre Arbeit gelenkt wird. Wenn Menschen Lust haben, ebenfalls ehrenamtlich zu helfen, wie kann man sich beteiligen? Kann man, außer einer ehrenamtlichen Tätigkeit, auch zusätzlich helfen? Wenn ja, wie?

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Unsere Arbeit ist spendenfinanziert und die aktuelle Situation weitaus prekärer als in den Vorjahren. In den Ausgabestellen der Hamburger Tafel sind die Lebensmittel knapp. Die Discounter haben wegen der Inflation und der hohen Energiekosten kaum noch etwas abzugeben. Parallel dazu nimmt die Verelendung auf der Straße seit einigen Monaten deutlich zu. Die Zahl der Bedürftigen wächst ständig. Aktuell fehlen uns Winterschlafsäcke und Isomatten. Da wir derzeit genügend Ehrenamtliche in unserem Team haben, ist finanzielle Hilfe das Gebot der Stunde. Jeder mag für sich bitte überlegen, ob nicht das nächste Jubiläum, der nächste Geburtstag, die nächste Silberhochzeit oder Firmenveranstaltung dafür genutzt werden könnte, statt Geschenken zu Spenden für die DRK-Obdachlosenhilfe aufzurufen.

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Welche Herausforderungen für das Projekt gibt es? Und welche für Sie persönlich?

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Die größte Herausforderung besteht darin, in Krisenzeiten weiterhin verlässlich für das ständig wachsende Heer der Bedürftigen da zu sein. Denn das Ausdünnen unseres Versorgungsangebots ist keine Option. Insofern müssen wir Ehrenamtliche als glaubwürdige Botschafter:innen der spendenfinanzierten Obdachlosenhilfe die angespannte Situation auf Hamburgs Straßen bei allen sich uns bietenden Anlässen schildern und dabei stets auch als Fundraiser um Zuwendungen bitten. Da ich in meinem beruflichen Leben weitgehend im PR-Bereich tätig war, bin ich dabei, verstärkt auch die Medien auf unser Angebot aufmerksam zu machen. Dabei werde ich gleichzeitig nicht müde, auch der Politik auf die Füße zu treten, denn nur sie ist in der Lage, eine beschämend-unwürdige Situation auf Hamburgs Straßen nachhaltig zu beenden.

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Was würden Sie sich in Zusammenhang mit Ihrem Projekt für die Zukunft wünschen? Von der Politik, den Gemeinden oder der Bevölkerung?

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Die Politik hat sich das ambitionierte Ziel gesetzt, bis 2030 die Obdachlosigkeit zu überwinden. Hamburg als Hauptstadt der Wohnungslosen braucht mit 19.000 Betroffenen hierzu dringend einen Masterplan, den es bislang nicht gibt. Insofern tragen wir im Konzert mit den zahlreichen sozialen Initiativen in der Stadt dazu bei, für die Betroffenen das harte Leben auf der Straße ein wenig erträglicher zu machen. Gleichwohl müssen wir schneller vom Verwalten der Obdachlosigkeit zu ihrer Bekämpfung kommen. Ein probates Mittel ist die Umsetzung von Housing First, die sofortige Vermittlung einer eigenen Wohnung ohne Auflagen. Denn Wohnen ist aus meiner Sicht ein Menschenrecht. Die Bevölkerung sollte keine Scheu vor dem Dialog mit Bedürftigen haben, die sich über jede Form der Kontaktaufnahme freuen. „Auf Augenhöhe“ ist hier mein Appell und zugleich der Titel eines Buches, für das ich im vergangenen Jahr zehn Obdachlose in Hamburg porträtieren durfte. Ihre Geschichten machen deutlich, dass es Biographie-Brüche gibt, die demütig machen.

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Was alles verbinden Sie mit dem Begriff “Wärme”?

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Wärme lässt sich – wie eben geschildert – zunächst als Empathie interpretieren, über die wir den Bedürftigen signalisieren, dass sie ein Teil der Gesellschaft sind, der wahrgenommen und nicht ignoriert wird. Das kann die schnelle Besorgung eines Kaffees ebenso sein wie der Kauf eines Straßenmagazins oder das Zuhören. Wärme ist aber auch das Synonym für Geborgenheit, für Heimat, für Wohlfühlen und für das Wieder-Aufwärmen. Und da kann eine Wärmeauflage von ThermaCare eine harte Nacht auf der Straße ganz sicher erträglicher gestalten.